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Mit zunehmenden Kriegsgeschehen in der Ukraine und Diskussionen über die Wehrfähigkeit von Deutschland rückt auch die Pflege im Katastrophenfall immer mehr in unser Bewusstsein. Katastrophen treffen ein Gesundheits- und Pflegesystem dort am härtesten, wo Menschen am verletzlichsten sind. Das sind vor allem jene, die akut verletzt oder generell auf professionelle Pflege angewiesen sind. Im Katastrophenfall zeigt sich, wie unverzichtbar Pflegekräfte sind. Das betrifft nicht nur den Moment der Krise, sondern die gesamte Vorbereitung, Bewältigung und Nachsorge.

Wenn wir von Katastrophen sprechen, denken viele zuerst an Krieg oder Terror. Doch Katastrophen beginnen oft sehr viel leiser. Das reicht von einem flächendeckenden Stromausfall, der plötzlich Beatmungsgeräte und Aufzüge lahmlegt, einer Naturkatastrophe wie der Ahrtalflut, die ganze Pflegeeinrichtungen isoliert, einer Cyberattacke auf Kliniken, die Dokumentation- und Kommunikationsstrukturen zerstört, bis zu einer Pandemie, die Ressourcen über Monate strapaziert.

Pflege im Katastrophenfall bedeutet nicht nur erweiterte Erstversorgung oder praktische Unterstützung im Ausnahmezustand. Es gilt vor allem, Stabilität, Orientierung und Kontinuität zu schaffen, wenn Systeme kollabieren. In Kliniken sind es Pflegefachpersonen, die in Notaufnahmen, auf Intensivstationen und in Notbehandlungsbereichen die Versorgung am Laufen halten, wenn Personalengpässe und hohe Fallzahlen zusammenkommen. In Seniorenheimen bedeutet Katastrophenpflege, zum Beispiel Menschen mit Demenz Sicherheit zu vermitteln, lebensnotwendige Routinen aufrechtzuerhalten, Orientierung zu geben und bei Evakuierungen professionell begleiten zu können. Gerade in Einrichtungen der Langzeitpflege sind Pflegekräfte oft die Einzigen, die ihre Bewohnerinnen und Bewohner gut genug kennen, um in Stress- und Alarmphasen individuell richtige Entscheidungen zu treffen.

International gibt es den Begriff „Disaster Nursing“, der im Deutschen meist mit Katastrophenpflege übersetzt wird. Der Deutsche Bundesverband für Pflegeberufe (DBfK) hat das Thema mehrfach aufgegriffen und betont, dass Katastrophenpflege nicht nur ein Spezialgebiet einzelner Expertinnen und Experten ist, sondern ein Auftrag für die gesamte Profession. Tatsächlich gibt es in einigen Ländern eigene Weiterbildungen und Kompetenzprofile für Disaster Nurses, angelehnt an Empfehlungen des International Council of Nurses. In Deutschland existieren erste Ansätze, etwa Fortbildungsangebote bei Hilfsorganisationen, doch ein strukturiertes, flächendeckendes System fehlt bislang. Die Folge ist, dass Pflegekräfte im Einsatz zwar gebraucht werden, aber häufig nicht systematisch eingebunden sind oder nicht ausreichend auf den Ernstfall vorbereitet wurden. Dies ist ein Problem, das in realen Ereignissen immer wieder sichtbar wird.

Pflegekräfte tragen bei Katastrophen eine besondere Verantwortung, weil sie die Gesundheits- und Lebenssituation der Betroffenen weit über medizinische Parameter hinaus einschätzen können. Sie erkennen frühzeitig Verschlechterungen, wissen um Ressourcen und Grenzen von Menschen mit chronischen Erkrankungen und können unter Druck pragmatische Lösungen finden. Gleichzeitig zeigen Ereignisse wie die Flut 2021, dass Pflegefachpersonen oft nicht als eigene Fachressource wahrgenommen werden. Viele berichten, dass sie zunächst zum Sortieren von Hilfsgütern eingesetzt wurden, bevor ihre fachlichen Kompetenzen berücksichtigt wurden. Für ein Land wie Deutschland, das dem demografischen Wandel und zunehmenden Risiken wie Extremwetter oder technischen Störfällen gegenübersteht, ist das ein strukturelles Defizit.

Damit sich die Situation verbessert, braucht es unterschiedliche Maßnahmen, die ineinandergreifen. Katastrophenpflege sollte in der Ausbildung aller Pflegefachpersonen fest verankert werden, nicht als optionale Ergänzung, sondern als Pflichtbestandteil. Zudem müssten Einrichtungen unter Einbeziehung der Perspektive der Pflegefachkräfte realistische Konzepte für Krisensituationen entwickeln. Das Ganze kann aber nur greifen, wenn Pflegekräfte an regelmäßigen Übungen teilnehmen um nicht nur theoretisches, sondern auch praktisches Wissen für den Krisenfall erwerben zu können. Es wäre wünschenswert, wenn in Deutschland eine Spezialisierung zur Katastrophen-Fachpflegekraft als neuer Karriereweg für Pflegekräfte geschaffen würde. Darüber hinaus ist es unerlässlich, dass die Expertise von Pflegefachkräften in Krisenstäben und Katastrophenschutzstrukturen vertreten sein muss. Nur so kann gewährleistet werden, dass Pflege im Ernstfall professionell, abgestimmt und wirksam handelt.

Katastrophen werden auch in Zukunft Bestandteil unseres Lebens bleiben. Die Frage ist, wie gut wir darauf vorbereitet sind. Pflegekräfte in Kliniken und Seniorenheimen gehören zu den wichtigsten Akteuren in solchen Situationen. Die Zukunft der Katastrophenbewältigung hängt maßgeblich davon ab, wie gut die Pflege eingebunden ist. Und genau das ist kein Zukunftsthema, sondern eine Aufgabe für heute.